KlimainfARkT virtuell

Angelika Dreher - «Elixir»2020

Holz, Laborglas, Gummistopfen, LED, Treiber, Trinkwasser
«Elixir I» Kabel links, 2400x85x185mm, «Elixir II» Kabel rechts, 2400x85x185mm - Länge zusammen 4800x85x185mm

Angelika Dreher *1977, Schaffhausen

Vor etwa 4,5 Milliarden Jahren war die Erde ein äusserst unwirtlicher Ort: ihre Oberfläche ein glühendes Meer aus geschmolzenem Gestein, der Himmel erfüllt von Meteoriten, die unablässig aus dem All herabregneten und tiefe Krater in den Boden rissen. Während der nächsten Milliarde Jahre beruhigte sich die Situation auf der Erde: sie kühlte ab, Ozeane und Kontinente entstanden. Und irgendwo im Wasser nahm das Leben seinen Anfang: Aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff oder Stickstoff wurden komplexe Moleküle, die ersten Zellen entstanden.

Ohne Wasser kein Leben, ohne Licht kein Wachstum.

Da Wasser transparent, geruchlos, geschmackslos und weit verbreitet ist, wird es oft nicht wirklich wahrgenommen - dabei ist Wasser unser Grundnahrungsmittel Nummer eins. Im Prinzip gibt es heute noch dieselbe Menge Wasser wie zu Urzeiten. Rund 70 Prozent unseres Planeten sind mit Wasser bedeckt. Unglücklich ist für den Menschen allerdings, dass 97 Prozent des Wassers versalzen ist. Und dass von den restlichen drei Prozent 70 Prozent als Eis an den Polkappen lagern. Lediglich ein Prozent des Wassers auf der Welt ist wasserförmiges Süsswasser.

Der Klimawandel hat vielfältige Einflüsse auf die Süsswasserreserven. Die Polkappen schmelzen ab und das darin gespeicherte Süsswasser wird mit dem Meerwasser vermischt. Auch das Abschmelzen von Gletschern ist eine Folge des Klimawandels. Kurzzeitig wird dies zu mehr Wasser in Flüssen und Seen führen. Auf lange Sicht aber wird weniger Wasser zur Verfügung stehen. Das passt zu den allgemeinen Annahmen über die Folgen des Klimawandels. Er wird zu heftigeren Wetterbedingungen, d. h. mehr Überschwemmungen und Dürren führen. Die Unesco schätzt, dass 2050 im schlimmsten Fall sieben Milliarden an Wasserknappheit leiden werden, im günstigsten zwei Milliarden Menschen. Obwohl dieselbe Menge wie zu Urzeiten zur Verfügung steht, wird das brauchbare Wasser knapper: Einerseits legte die Weltbevölkerung milliardenfach zu, andererseits stieg die Wirtschaftsleistung millionenfach – und damit der Durst der Industrie.

Darüber, wie die Grundwasserreserven betroffen sein werden, ist wenig bekannt. Die globale Verschlechterung der Umweltsituation hat allerdings ein bedenkliches Ausmass erreicht. Bedeutende Ökosysteme sind dermassen aus dem Gleichgewicht geraten, dass sie kollabieren könnten. Um einen anderen Weg einzuschlagen, müssen die ökologischen Grenzen des Planeten erkannt und respektiert werden. Zusätzlich wird Trinkwasser zu einem Riesengeschäft.

Der Lebensmittelkonzern Nestlé macht mit seinen Wasser-Marken Vittel oder Perrier weltweit 91 Milliarden Euro Umsatz, der Pepsi-Konzern 32,5 Milliarden, Coca Cola 23 Milliarden. Auch Leitungswasser wurde weltweit zum Geschäft: Von Südamerika bis Asien werden die Wasserbetriebe zunehmend privatisiert. In der Regel ist das Trinkwasser aus der Leitung dort so schlecht, dass sich die Menschen Trinkwasser im Laden kaufen – sofern sie es sich leisten können.


Die Arbeit befasst sich mit dem fragilen ökologischen Gleichgewicht von Trinkwasser.

Recherche - Das Thema Trinkwasser ist aktueller denn je, denn Klimawandel sowie Pestizide und weitere Stoffe bedrohen die Sauberkeit und Reinheit von Wasser. Die Trinkwasserqualität wird durch die eidgenössische Gesetzgebung exakt beschrieben und genügt höchsten Ansprüchen. Die Lebensmittelgesetzgebung (Lebensmittelbuch, Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung, Fremd- und Inhaltsstoffverordnung, Hygieneverordnung, Trink-, Quell- und Mineralwasserverordnung) gibt die Qualitätsanforderungen verbindlich vor. Damit die Wasserversorgungen das gewonnene Wasser als Trinkwasser verteilen dürfen, muss es nachweislich frei sein von jeglichen Krankheitserregern und darf nur unbedenkliche Werte von bestimmten Substanzen enthalten. Gutes Wasser ist farb- und geruchlos und weist einen guten Geschmack auf. Doch das Trinkwasser ist bedroht. Das Schweizer Trinkwasser setzt sich aus See- Grund- und Quellwasser zusammen. Die Anteile haben sich im Laufe der Zeit allerdings stark verändert. Heute fiessen in den Leitungen der Stadt Zürich rund 70% Wasser aus dem See sowie je 15% Grundwasser und 15% Quellwasser. Doch Pflanzenschutzmittel (Pestizide, Herbizide, Fungizide), Arzneimittel, Biozide, Reinigungsmittel, Korrosionsschutzmittel, Benzin, Diesel und Schwermetalle führen seit Jahren zu einer Verschlechterung des Trinkwassers. Die Abbauprodukte von z.B. Chlorothalonil oder Atrazin werden noch Jahrzehnte nach Anwendungsstopp nachgewiesen.

Zudem sind durch den Klimawandel Veränderungen bei Regen, Gletschern und Schnee zu erwarten, die noch nicht genau absehbar sind. Wärmere Temperaturen führen zu mehr Trockenheit, und dadurch auch mehr Verdunstung und weniger Wasser.

Was nichts kostet, ist nichts wert... Trinkwasser ist unser kostbarstes Gut. In der Arbeit Elixir wird lokales Hahnen-, Quell- und Brunnenwasser thematisiert. Das Wasser wird in der Manier einer «Preziosenausstellung» präsentiert, wie z.B. Schmuck, Uhren oder andere wertvolle Gegenstände. Das Wasser befindet sich dabei in Laborgläsern, und kann von jedem erkannt werden. Durch die gezielte Beleuchtung aus dem Innern des Holzträgers erscheint das gefüllte Laborglas wie eine teure Kostbarkeit. Das Allgemeingut, das fast kostenfrei und unbegrenzt aus dem Hahnen fliesst, wird dadurch in einen anderen Kontext gesetzt und erhält eine edle, luxuriöse und rare Bedeutung.

Umsetzung - Die Lichtinstallation besteht aus einer Anzahl von Reagenzgläsern, die mit lokalemTrinkwasser befüllt werden. Jedes Reagenzglas wird mit Wasser aus einer anderen Quelle bzw. Adresse befüllt. Um den Ursprung des Wassers nachvollziehen zu können, werden im Vorfeld in kleinen Wasserflaschen Wassersammlungen vor Ort durchgeführt, und die Flaschen mit der jeweiligen Adresse versehen. Die Reagenzgläser erhalten eine Nummer, die jeweils mit einer Flasche korrespondiert. Die gefüllten und mit einem Stopfen verschlossenen Gläser werden in einen auf Augenhöhe montierten Trägerbalken eingesetzt.

Im Balken befinden sich unter den Öffnungen LED-Module mit kaltweissem Licht, welche die Glasröhren von unten beleuchten, ohne dass die Lichtquelle selbst in Erscheinung tritt.

Der schwarz gebeizte Trägerbalken selbst ist aus feinster Eiche und scharfkantig geschliffen. Dadurch nimmt er sich einerseits zurück, und bildet gleichzeitig die elegante Basis für die darauf zur Schau gestellten Reagenzgläser.

Das Wasser wird sich über die Dauer der Ausstellung verändern. Je nachdem werden Verunreinigungen oder leichte Trübungen sichtbar. Dieser Prozess ist an jedem Ort anders und kann anregen, die Installation mehrfach zu besuchen und sich dabei der Zerbrechlichkeit des ökologischen Gleichgewichts bewusst zu werden.

Erste Veröffentlichung: März-Mai 2020, Kunstraum Egg, Zürich

http://www.angelikadreher.ch

Nachtrag «Corona»

22. März 2020 (= Weltwassertag)

Die aktuelle Krise, verursacht durch den Virus Covid-19, bekannt auch unter dem Namen Corona-Virus, regt viele gedankliche Prozesse an. Wo sich die Arbeit «Elixir» vorerst mit der Thematik Klima und dem ökologischen Gleichgewicht von Trinkwasser beschäftigt, kommt nun die Komponente einer weltweiten Seuche dazu.

  • Wieviele Orte auf der Welt verfügen über bedenkenlos trinkbares Wasser?
  • Welche Risiken ergeben sich für Weltregionen durch die Veränderung des Klimas?
  • Welche Risiken und Folgen ergeben sich durch eine Seuche?
  • Wie kommen vulnerable und schwache Menschen während einer Pandemie oder Seuche zu trinkbarem Wasser, sofern das Wasser, das aus dem Hahnen kommt, mit Chlor oder anderen Stoffen verunreinigt und nicht zum Trinkgenuss empfohlen wird?

Mit etwas Obst und Gemüse sowie Trinkwasser können ernährungstechnisch problemlos ein paar Wochen überbrückt werden. Doch wie sieht es aus, wenn bereits die grundlegendsten Nahrungsmittel erworben werden müssen?

  • Wer sichert die gerechte Verteilung von Trinkwasser, wenn profitorientierte Konzerne für dessen Verteilung unter der Bevölkerung zuständig sind?
  • Was geschieht, wenn der Kampf im Laden um das Sixpack Wasser verloren ist und das Prinzip des Stärkeren gilt? Wenn es um die Grundexistenz des Menschen geht, zählt wieder das darwinistische Prinzip, und Solidarität und gesunder Menschenverstand weichen irrationalem und egoistischem Handeln.

Schon jetzt kenne ich Menschen in Süditalien, deren Wasserversorgung entweder über die (nicht mehr ganz reine) Zisterne oder das wöchentlich eintreffende Wasserschiff geregelt ist. Zum Trinken ist dieses aufbereitete und in Tanks gelagerte Wasser aber nicht geeignet, und sollte mindestens vorher abgekocht werden. Das tägliche Schleppen von Pet-Flaschen gehört zum Alltag, und stellt manch Betagte oder geschwächte Personen vor eine Herausforderung.

  • Und wie können Menschen in Zeiten einer Pandemie für ihre persönliche Hygiene sorgen, sprich ihre Hände waschen, wenn ihnen die Basis aller Stoffe, reines Wasser und Seife, fehlt?

Ich hoffe, diese Zeit regt in hohem Masse dazu an, die Trinkwasserversorgung global zu überdenken und nicht unnötig Wasser aus Gebieten abzupumpen, wo es alsdann der lokalen Bevölkerung fehlt oder durch die Fabrikation zu einer Schädigung der Umwelt führt.

Dies beginnt bei jedem Individuum bei der Wahl seines Wassers, geht über lokale und nationale Behörden und endet bei internationalen Konzernen, die für die Monopolisierung von Trinkwasser Menschen ihren natürlichen Wasserquellen berauben.

Wir sind alle aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und unsere Handlungen zu überdenken.

... Und hier der Bericht der Vereinten Nationen zum Weltwassertag

https://unric.org/de/weltwassertag-2020/

Erklärung zum Weltwassertag, 22. März 2020

22. März 2020


UN-Generalsekretär António Guterres: Die Wasserressourcen der Welt sind in beispielloser Weise bedroht. Heute fehlt es rund 2,2 Milliarden Menschen an sauberem Trinkwasser, und 4,2 Milliarden Menschen leben ohne Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen. Wenn wir nicht dringend handeln, werden die Auswirkungen des Klimawandels diese Zahlen voraussichtlich noch verschärfen. Bis 2050 werden zwischen 3,5 und 4,4 Milliarden Menschen mit beschränktem Zugang zu Wasser leben, davon mehr als 1 Milliarde in Städten.

Der diesjährige Weltwassertag steht im Zeichen des Wassers und des Klimawandels. Da das Jahr 2020 ein entscheidendes Jahr für den Klimaschutz ist, kommt dieser Schwerpunkt zur rechten Zeit. Wasser ist das primäre Medium, über das wir die Auswirkungen von Klimastörungen wahrnehmen, von extremen Wetterereignissen wie Dürren und Überschwemmungen bis hin zum Abschmelzen der Gletscher, der Salzwasserintrusion und dem Anstieg des Meeresspiegels.

Die globale Erwärmung und die nicht nachhaltige Nutzung werden eine noch nie dagewesene Konkurrenz um die Wasserressourcen schaffen und zur Vertreibung von Millionen von Menschen führen. Dies wird sich negativ auf Gesundheit und Produktivität auswirken und als Bedrohungsmultiplikator für Instabilität und Konflikte wirken. Die Lösung ist klar. Wir müssen dringend die Investitionen in gesunde Wassereinzugsgebiete und die Wasserinfrastruktur erhöhen und die Effizienz der Wassernutzung drastisch verbessern. Wir müssen auf allen Ebenen der Wasserwirtschaft Klimarisiken vorhersehen und darauf reagieren. Wir müssen dringend die Anstrengungen verstärken, um die Widerstandsfähigkeit und die Anpassung für die von der Klimazerstörung betroffenen Menschen zu stärken. Und vor allem müssen wir dieses Jahr und die COP26 in Glasgow nutzen, um die Emissionskurve zu verbiegen und eine sichere Grundlage für die Nachhaltigkeit der Wassernutzung zu schaffen.

Am Weltwassertag hat jeder eine Rolle zu spielen. Ich rufe alle Interessengruppen auf, den Klimaschutz zu verstärken und in robuste Anpassungsmaßnahmen für eine nachhaltige Wasserversorgung zu investieren. Durch die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius wird die Welt viel besser in der Lage sein, die Wasserkrise, mit der wir alle konfrontiert sind, zu bewältigen und zu lösen.

84f27a42-fc38-425a-844d-58d0ea43f896jpg«Edition Elixir», 2020
Holz, Laborglas, Gummistopfen, LED, Treiber, Trinkwasser, 500x85x185mm, Edition 5